Interkulturelle Kompetenz in der Mediation – Restorative Justice – Waage auf dem Deutscher Präventionstag 2017 in Hannover

Die Waage informiert beim Deutschen Präventionstag über „Interkulturelle Kompetenz in der Mediation“

„Unsere Stipendiaten sind keine Dolmetscher, sondern gleichberechtigte Mediatoren“, sagte Dorothee Wahner, Mediatorin bei dem Verein Waage Hannover, jetzt beim 22. Deutschen Präventionstag in Hannover. Sie stellte das Projekt „Interkulturelle Kompetenz“ vor, bei dem die Waage Mediatoren mit Migrationshintergrund ausbildet.

Waage Hannover auf dem Dt. Präventionstag 2017 (von links: Doro Wahner, Dr. Lutz Netzig, Rajiny Kumaraiah)

Diese sind anschließend in der Konfliktvermittlung tätig. „Es ist von Vorteil, wenn bei einer Mediation, an der Klienten mit Migrationshintergrund beteiligt sind, einer der Mediatoren die Muttersprache der Medianten beherrscht“, berichtete die Stipendiatin Rajiny Kumaraiah. „Sind starke Gefühle wie Ärger oder Angst im Spiel,werden bei Klienten oft alte Kindheitsmuster aktiviert. Die Medianten können sich dann in ihrer Muttersprache viel besser ausdrücken.“ Oft hätten Klienten mit Migrationshintergrund auch Angst, dass Gesagtes später gegen sie verwendet werden könnte, wie zum Beispiel Informationen über häusliche Verhältnisse, die an das Jugendamt weitergegeben würden. Sie vertrauten dann eher einem muttersprachlichen Mediator. Kumaraiah betonte, die Wichtigkeit von Konfliktvermittlung bei Streitigkeiten, an denen Ausländer beteiligt seien. „Es ist besser, mit den Menschen zu reden, statt gleich die Polizei zu holen. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die einen Streit ausgelöst haben“, sagte die aus Sri Lanka stammende Mediatorin.

Wahner stellte zwei Fallbeispiele vor, bei denen die Waage mit der Hilfe von muttersprachlichen Mediatoren in Konflikten erfolgreich vermitteln konnte. Zum einen handelte es sich dabei um einen Nachbarschaftskonflikt zwischen Bewohnern einer neu eingerichteten Asylbewerberunterkunft und alteingesessenen Stadtteilbewohnern,

Waage-Mediatorinnen Rajiny Kumaraiah und Dorothee Wahner (v.r.) im Gespräch mit Thomas Hermann, Bürgermeister und Leiter des Kommunalen Präventionsrates in Hannover

zum anderen um einen Fall häuslicher Gewalt bei einem aus Iran stammenden Ehepaar. Wahner wies weiter darauf hin, dass das Projekt „Interkulturelle Kompetenz“ auch im Team der Waage zu Lerneffekten geführt habe. „Auch wir denken in Schubladen und haben Vorurteile“, sagte sie. „Der Kontakt mit den Stipendiaten hat unseren Horizont erweitert und zum Abbau von Vorurteilen beigetragen.“ Das Projekt „Interkulturelle Kompetenz“ wird von der Klosterkammer Hannover gefördert und existiert seit 2011. Fragen aus dem Publikum, wie zum Beispiel nach der Freiwilligkeit der Medianten und ihrem Zugang zu einer Mediation beantwortete Waage-Mediator Dr. Lutz Netzig, der zuvor den Verein Waage vorgestellt hatte. Er wies darauf hin, dass einige der Stipendiaten hauptberuflich in Flüchtlingsheimen arbeiteten und so den Kontakt zwischen der Waage und potenziellen Klienten herstellen könnten. „Die Bereitschaft zu einer Konfliktklärung ist bei Menschen mit Migrationshintergrund groß“, sagte Kumaraiah. „Sie wollen sich integrieren und nicht zusätzlich zu den bereits vorhandenen Schwierigkeiten des Integrationsprozesses noch weitere Konflikte mit sich herumtragen.“

Weitere Informationen zum Projekt Inerkulturelle Kompetenz finden Sie → hier.

Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz fordert Stärkung der „restorative justice“

Für die Förderung des Ausgleichs zwischen Tätern und Opfern als Alternative zur Strafe sprach sich auch Niedersachsens Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz bei dem Präventionstag aus. „Im Bereich ‚restorative justice‘ (wiederherstellende Gerechtigkeit) müssen wir noch mutiger werden“, sagte sie in ihrer per Video eingespielten Rede. Die Orientierung am Opfer und die Einbeziehung aller an der Straftat Beteiligten seien Kernanliegen der „restorative justice“, die in anderen Ländern bereits erfolgreich praktiziert werde. „Es tut auch der Gesellschaft gut, wenn es eine Begegnung zwischen Tätern und Opfern gibt. Mit diesem Thema müssen wir uns mehr und intensiver auseinandersetzen.“ Neben dem Täter-Opferausgleich (TOA) gebe es auch andere Instrumente der „restorative justice“, wie zum Beispiel „Runde Tische“. Bis vor etwa dreißig Jahren seien Opfer einer Straftat von der Justiz und der Gesellschaft „stiefmütterlich“ behandelt worden, inzwischen würden Belange des Opfers stärker berücksichtigt. Seit 1986 gebe es ein Opferschutzgesetz, die zuletzt Anfang 2017 erfolgte Änderung des Gesetzes betone den Vorrang der Opferinteressen bei der Aufklärung und Verfolgung von Straftaten. Die Erfahrung aus der 2011 eingerichteten Landes-Stiftung Opferhilfe zeige, dass es Opfern von Straftaten weniger um einen finanziellen Ausgleich gehe, sondern um psychosoziale Hilfe und Beratung bei der Verarbeitung einer Straftat. Die Ministerin forderte weiter Hilfe für eine „neue Opfergruppe“, den Adressaten von Hassbotschaften im Internet. Ihnen müsse ermöglicht werden, sich selbst aktiv zur Wehr zu setzen und einen Ausgleich vom Täter zu fordern. Dazu bräuchten sie eine Auskunft über die Identität des Täters. „Die Durchbrechung der Anonymität im Internet ist zwingend“, sagte Niewisch-Lennartz. „Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der zunehmenden Verbreitung des Hasses im Internet entgegenzutreten.“

Der Deutsche Präventionstag findet seit 1995 an wechselnden Standorten statt. Er ist der größte europäische Kongress zur  Kriminalprävention sowie angrenzender Präventionsbereiche. Das Leitthema des 22. Deutschen Präventionstages in Hannover lautete „Prävention und Integration“.

Text und Fotos: Sabine Dörfel