Fallbeispiel 1

Familiengerichtliches Verfahren

Die Kontaktdaten der Eltern werden nach einer gerichtlichen Anhörung mit dem Auftrag, eine Beratung der getrennten Eltern durchzuführen, vom Kommunalen Sozialdienst (KSD) an die Waage geschickt. Daraufhin melden sich unabhängig voneinander beide Eltern bei der Waage und bitten um einen Termin. Die ersten Termine werden grundsätzlich mit den Eltern getrennt gemacht. Erst wenn beide einverstanden sind kommt ein gemeinsamer Termin zustande.

Der Fall

Die Eltern haben sich kurz nach der Geburt des gemeinsamen Kindes getrennt. Die alleinige Sorge liegt bei der Mutter, die Eltern ziehen jedoch ein Teilsorgerecht zu einem späteren Zeitpunkt in Erwägung. Das Kind bleibt bei der Mutter und hat dort seinen Lebensmittelpunkt. In der ersten Zeit ist der Umgang zwischen Vater und Tochter jeweils nach Absprache mit der Mutter regelmäßig.

Nach ca. 2 Jahren wird der Umgang von Seiten der Mutter immer häufiger ausgesetzt oder kurzfristig abgesagt. Die Begründungen wechseln zwischen „das Kind war kurzfristig erkrankt“ und „F. weint immer, wenn sie zu dir soll“ etc. Der Umgang wurde vollständig eingestellt als die Tochter beim Vater übernachten sollte. Die Begründung war, dass sie noch zu klein ist, man solle doch noch einige Monate warten. Nach ca. 3 Monaten hieß es, die Tochter sei noch immer zu klein, um beim Vater eine Nacht zu verbringen. Das Verhältnis der Eltern wurde immer angespannter mit gegenseitigen Unterstellungen wie „Du übst immer Druck aus“, „Du willst ja gar keinen Umgang“ „Du beeinflusst das Kind“ etc.

Der Vater stellte daraufhin einen Antrag auf regelmäßigen Umgang mit der Option nach einer Eingewöhnungsphase auch eine Übernachtung verlässlich einzuplanen.
Die Mutter hatte große Schwierigkeiten sich von ihrer Tochter zu lösen und hat nach wie vor einer Übernachtung nicht zugestimmt. Gleichzeitig wollte sie jedoch, dass ihre Tochter einen guten Kontakt zum Vater hat und „irgendwann“ auch mal dort übernachtet. Ein gemeinsames Sorgerecht kam für sie nicht mehr in Frage.

Im Erstgespräch wird deutlich, dass die Mutter sich vom Vater zunehmend in dieser Frage unter Druck gesetzt fühlt und mit totaler Verweigerung des Umgangs reagiert hat. Ihre Tochter habe jedes Mal geweint und sich gewehrt, wenn sie zum Vater sollte, sodass die Mutter im Interesse des Kindes den Umgang unterbunden habe.

Der Vater erzählt im Erstgespräch wie schwer es ihm falle, einen Kontakt zu seiner Tochter herzustellen. Die wenigen Umgänge, die er hat reichen nicht aus, damit seine Tochter Vertrauen aufbauen kann. Er möchte, dass die Mutter die Bereitschaft für einen Umgang auch gegenüber der Tochter deutlich macht bzw. sogar auf dem Umgang gegen den Willen der Tochter dringt.
Dazu ist die Mutter nicht bereit. Ihre Tochter solle, wenn sie älter ist, selbst entscheiden, inwieweit sie den Kontakt zum Vater halten möchte.

Die Eltern sind nach ersten getrennten Gesprächen zu gemeinsamen Gesprächen bereit. In den folgenden Gesprächen geht es zunächst darum, die unterschiedlichen Positionen deutlich zu machen und Verständnis für die jeweilige Haltung des anderen aufzubringen.

Nach jeder Sitzung werden kleine Schritte vereinbart für einen erweiterten Umgang, ohne das Thema Übernachtung oder gemeinsame Sorge anzusprechen. Die Eltern vereinbaren große Abstände zwischen den Sitzungen, damit sie die einzelnen Schritte im Alltag umsetzen können. Dies ist der Mutter ganz wichtig, um sich langsam mit der Situation vertraut zu machen. Der Vater ist anfangs auch sehr geduldig mit der Hoffnung, möglichst bald seine Tochter auch mal ein ganzes Wochenende bei sich zu haben. Die Tochter ist zu dieser Zeit fast 4 Jahre alt.
Nach 1 Jahr ist die Geduld des Vaters zu Ende und er beabsichtigt erneut einen Antrag auf erweiterten Umgang zu stellen. Die Mutter schränkt den Umgang ein, woraufhin die Eltern sich wieder vor dem Kind beleidigen und beschimpfen. Die Mutter bittet um ein Einzelgespräch, in dem sie noch einmal ihre Befürchtungen und Sorgen zum Ausdruck bringt und keine weiteren gemeinsamen Gespräche mehr wünscht.

Nach einer Bedenkzeit erklären sich die Eltern, besonders die Mutter noch einmal bereit, weitere gemeinsame Gespräche zu führen. Sie vereinbaren ein Zeitfenster, in dem sie eine Übernachtung ausprobieren wollen mit der Option, dass die Tochter jederzeit wieder zurückgebracht werden kann, wenn sie dies wünscht.
Nachdem einige Übernachtungen erfolgreich geklappt haben können die Eltern sich auch dem Thema gemeinsame Sorge wieder annähern.
Die Mutter stimmt einer gemeinsamen Sorge zu. Beide Eltern können sich zu diesem Zeitpunkt auch wieder ihr Vertrauen in die Erziehungskompetenz des jeweils anderen versichern. Beide erkennen an, dass der andere Elternteil stets zum Wohle der Tochter handelt.

Die Eltern haben insgesamt ca. 15 Gespräche in der Waage geführt.
Durch den großen Abstand zwischen den Gesprächen (z.T. 3Mon.) hat die Beratungszeit fast 1,5 Jahre gedauert.