Fallbeispiel 2

Familiengerichtliches Verfahren

Frau Y ist seit 10 Jahren verheiratet und hat zusammen mit ihrem Mann Herrn G zwei Kinder. Herr G. kommt aus der Türkei, Frau Y ist Deutsche. Zur Zeit der Mediation waren die Kinder drei und fünf Jahre alt.
Frau Y. ist chronisch erkrankt, aber der Zustand von Frau Y ist nicht so schlecht, wie dies bei dieser Krankheit zu erwarten war.
Zwischen Frau Y und Herrn G gab es einen schlimmen Streit, der mit Gewalt endete. Nach einem Polizeieinsatz musste Herr G das Haus verlassen und durfte auf Antrag der Staatsanwaltschaft das Haus für sechs Monate nicht betreten.

Herr G hat nach Rücksprache mit seinem Anwalt einen Antrag auf Umgangsrecht bei Gericht gestellt. Frau Y hatte ihrerseits bereits das alleinige Sorgerecht beantragt.
Beide Verfahren wurden vom gleichen Richter bearbeitet. Am Tag der Anhörung schlagen sowohl das zuständige Jugendamt, als auch der beauftragte Verfahrensbeistand eine Mediation bei der Mediationsstelle Waage e.V. Hannover vor.
Die Eltern erklären sich dazu bereit, ein Informationsgespräch durchzuführen. Wie immer wird den Eltern erklärt, dass sie sich bei der Waage selber melden müssen.

Frau Y und Herr G machen es sofort und bekommen von der zuständigen Mediatorin innerhalb einer Woche Termine, um zwei getrennt Einzelgespräche durchzuführen. Das erste Gespräch ist bei der Waage immer ein Einzelgespräch.
Das Einzelgespräch ist sehr wichtig, um den Eltern eine Möglichkeit zu geben, die Situation aus ihrer Sicht zu schildern, ohne Angst zu haben, dass der (Ex-)Partner Druck ausüben kann. Manchmal reicht schon die Anwesenheit am Anfang einer Mediation aus, um einen solchen Druck bei einem der Medianten zu erzeugen, dass dieser nicht die wahren Beweggründe seines Handelns offen legt.
Der erste Kontakt mit der Mediatorin ist für den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses und einer angenehmen Atmosphäre elementar wichtig.

Die Waage bekommt den offiziellen Auftrag vom Kommunalen Sozialdienst (KSD), mit dem Schwerpunkt den Umgang der Kinder mit dem Vater zu klären. Dieser Punkt war noch nicht vom Gericht entschieden worden. Herr G hatte die Kinder nur einmal an Weihnachten und einmal für eine Stunde an seinem Geburtstag gesehen.

Einzelgespräch Herr G

Herr G erzählte, dass für ihn die Familie immer sehr wichtig gewesen sei. Er habe immer sehr viel gearbeitet, um seiner Familie alles bieten zu können. Vater zu werden sei ein großes Glück für ihn gewesen, aber aufgrund der Krankheit seiner Frau nicht einfach. Zusammen und mit Hilfe der Familie haben seine Frau und er dies gemeistert. Als Herr G dann ein großes Haus gekauft hat, hätten erhebliche finanzielle Schwierigkeiten begonnen, die Familiensituation zu belasten. Mit seiner Frau gab es vermehrt und aus seiner Sicht ständig Diskussionen, weil er wegen der hohen Arbeitsbelastung nie zu Hause war. Wenn er dann mal zuhause war, dann telefonierte er ständig für die Arbeit.

Nach einem Jahr gab es einen großen Streit und Herr G sagte, dass seine Frau so geschrien habe, dass er plötzlich die Kontrolle verloren habe und seine Frau schlug.
Bei der Erzählung weinte Herr G und sagte, dass er seine Frau noch lieben würde. Er sagte wörtlich: “Ohne seine Familie ist ein Mann ruiniert und nichts mehr wert!“

Die Mediatorin fragte Herrn G, ob er mit seiner Frau über die finanziellen Probleme gesprochen hätte. Er antwortete darauf: „ Meine Frau ist durch ihre Krankheit bereits so sehr belastet. Ich hatte große Angst um sie, da sie so verzweifelt war.“
Herr G. konnte es nicht mehr akzeptieren die Kinder nicht zu sehen. Er wusste, dass seine Kinder ihn vermissen und er selber konnte auch nicht mehr ohne seine Kinder leben.

Einzelgespräch Frau Y

Frau Y sprach über ihre Ängste, nachdem ihr Mann sie geschlagen hatte. Er war vorher nie aggressiv und für sie sei dieses Erlebnis ein großer Schock gewesen.
Im letzten Jahr war Herr G aus ihrer Sicht so verschlossen und mit sich selber beschäftigt, nur auf die Arbeit fixiert und ohne Interesse an ihr. Sie habe ihn nicht mehr als Vater und als Ehemann erkennen können.
Sie habe mehrere Mal versucht, ihn zu unterstützen und mit ihm zu reden, aber sie habe dies nicht geschafft, er habe ihre Hilfe nicht annehmen wollen.

Gemeinsame Sitzungen

Beide Eltern waren bereit sich zusammen zu setzen, um eine Regelung bezüglich des Umgangs des Vaters mit den Kindern zu treffen. Sie dachten auch gleich von Anfang an über eine Paartherapie nach. Diese nahmen sie nach der zweiten gemeinsamen Sitzung bei einer professionellen Paartherapeutin auf. Die Waage bietet dieses nicht an.

Nach einem weiteren gemeinsamen Gespräch wurde eine Umgangsregelung getroffen und wichtige Entscheidungen bzgl. der Schule gefällt. Darüber hinaus wurden Regeln der Kommunikation untereinander festgelegt, für den Fall, dass die Paartherapie nicht erfolgreich verlaufen würde.

Von besonderer Bedeutung bei der Bearbeitung der Themen waren die verschiedenen Kulturen, aus denen die beiden Medianten stammten. Sie haben unbewusst eine sehr große Rolle in ihrem Leben gespielt und dies wurde mit Erfolg thematisiert.

Ergebnis

Beide haben vor Gericht ihre Anträge zurückgenommen. Eine Elternvereinbarung wurde schriftlich ausgearbeitet und von beiden unterschrieben.
Dieses gemeinsam erarbeitete Dokument ist die Grundlage für alle weiteren Entscheidungen, die die beiden Medianten als Eltern in der Zukunft fällen müssen.