TOA Fallbeispiel 3

„Eine Sache der Ehre“ – Mediation nach einer Massenschlägerei

„Die mach isch platt! Alle, verstehs Du?!“, sagt der 20jährige Bosnier im Einzelgespräch.

Ein Streit innerhalb einer Großfamilie mündete in einer Schlägerei auf offener Straße mit 30 beteiligten Personen, vielen Verletzten und einem Großeinsatz der Polizei. Drei Monate später beauftragte die Justiz die Waage Hannover mit dem Versuch einer Mediation. – Laut Aktenlage bestanden vielfältige gegenseitige Vorwürfe und Drohungen. Rechtsanwälte waren eingeschaltet und die Beteiligten teilweise der deutschen Sprache nicht mächtig.

Die spontane Befürchtung des Mediators war: Das ist ein schwieriger Fall mit großem Aufwand und wenig Chance auf Erfolg. Dann stellte er sich die Frage: Wie gehen wir an den Fall heran? Er zog einen älteren (ehrenamtlichen) Co-Mediator hinzu. Sie suchten einen kompetenten Dolmetscher und luden mutmaßliche Schlüsselpersonen (u.a. zwei Brüder, mutmaßlich die Familienoberhäupter, sowie zwei der jungen Männer, die bei der Schlägerei besonders aktiv waren) zu unverbindlichen Vorgesprächen ein.

Hier erst erhielten sie eine Ahnung von der Komplexität des Konfliktes: Es handelte sich um Zweige einer seit Jahren zerstrittenen bosnischen Familie. Einer der Männer ist mit einer Deutschen verheiratet. Es kam zu wechselseitigen Ehrverletzungen, Drohungen und Verleumdungen. Beim Versuch der einen Seite, die andere zur Rede zu stellen, eskalierte der Streit dann in einer Massenschlägerei. Die Vorgespräche waren geprägt von Schuldzuweisungen und Rachegedanken. „Wenn der das nicht zurücknimmt, mach ich den tot.!“. Zudem standen Forderungen nach Schmerzensgeld und öffentlicher Entschuldigung im Raum.

Beim ersten Mediationstermin waren zehn Personen anwesend. Nach einleitenden Worten gaben die zerstrittenen Brüder nacheinander (und vom Dolmetscher wörtlich übersetzt) Erklärungen ab, in denen Sie ihren gegenseitigen Respekt und die Familienehre betonten. Beide erklärten, es sei eine Schmach, hier in Deutschland mit ihrem familiären Konflikt vor Gericht zu stehen. Die Schilderungen der Hintergründe verlief (besonders seitens der jüngeren Männer, s.o.) überaus hitzig. Die Brüder schauten grimmig. Nach einiger Zeit schlugen die Mediatoren eine Pause vor und trennten die Konfliktparteien. Die Familienoberhäupter sprachen separat mit den Söhnen.

Nach der Pause äußerten alle (!) Beteiligten ihr Bedauern über die Vorfälle. Man war sich darin einig, dass die Vorwürfe und Tathandlungen nicht im Einzelnen aufgeklärt werden können und dass der familiäre Frieden wichtiger ist. Das weitere Gespräch verlief friedlich und konstruktiv. Am Ende setzten die Mediatoren einen Vertrag auf, in dem Schmerzensgeldzahlungen in Höhe von 1500 €, das Unterlassen bestimmter Aussagen sowie ein zweites Treffen in acht Wochen vereinbart wurden und informierten die Rechtsanwälte. Das Ergebnis hatte Bestand.

Sicher keine schulmäßige Mediation. Was zeigt dieses Beispiel? Nur Mut. Ruhe bewahren. Traditionen nutzen. Der Kompetenz der Betroffenen vertrauen. Mitunter ist Ehre wichtiger als Recht.