Unser Selbstverständnis: Restorative Justice und Mediation

Das Selbstverständnis der Waage Hannover e.V. basiert auf dem (in der englischen Sprache sog. ) Restorative Justice Ansatz.[1]  Der Begriff Restorative Justice (RJ) bezieht sich auf ein die traditionelle Vergeltungslogik (retributive justice) und Strafphilosophien überwindendes Gerechtigkeitskonzept.[2] Danach soll das aus der Begehung von Unrecht erfahrene Leid soweit wie möglich ausgeglichen und die als gerecht akzeptierte Ordnung in einer sozialen Gemeinschaft (wieder) hergestellt (to restore justice) werden. Innerhalb dieses auf Ausgleich und Wiedergutmachung gerichteten Ansatzes findet sich eine Vielfalt von Theorie- und Praxismodellen unterschiedlicher Reichweite. Im Rahmen von RJ geht es nicht nur um die Konfliktklärung und den individuellen Ausgleich zwischen den unmittelbaren Konfliktbeteiligten, sondern auch um die Berücksichtigung der Interessen und Bedürfnisse der ggf. mittelbar betroffenen Personen, insb. Partner und Angehörige auf beiden Seiten, sowie den Ausgleich der Störungen des Zusammenlebens in der sozialen Gemeinschaft. RJ wird deshalb häufig als gemeinwesenorientierter Konfliktregelungsansatz bezeichnet.

Im Hinblick auf die praktizierten Verfahren und methodischen Interventionen knüpft der Restorative Justice Ansatz auch an indigene Konfliktregelungs- und Vermittlungsverfahren an. In Europa und Deutschland ist das RJ-Konzept aufgrund seines partizipativen Charakters eng mit der Mediation als Konfliktlösungsverfahren verknüpft. Demgegenüber werden in den angelsächsischen Staaten neben der Mediation auch andere Verfahren durchgeführt, insb. das sog. Conferencing (Versammlung bzw. Familienrat), die das soziale Umfeld und das Gemeinwesen noch stärker einbeziehen.

Der in Deutschland an vielen Orten im strafrechtlichen Kontext durchgeführte außergerichtliche Tat- bzw. sog. Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) bezieht sich lediglich auf einen Teilausschnitt der RJ-Idee. Insoweit ist insbesondere auf den Unterschied zwischen der Vermittlungstätigkeit (Mediation) in strafrechtlich relevanten Konflikten einerseits und dem sog. Täter-Opfer-Ausgleich als strafrechtliche Rechtsfolge (Sanktions- oder Verfahrensentscheidung) andererseits hinzuweisen. Mediation in strafrechtlichen Konflikten und TOA sind nicht deckungsgleich. Zum einen unterstützen die Mediations- und Schlichtungsstellen (wie z.B. die Waage Hannover) im Rahmen des Mediationsverfahrens die Konfliktparteien bei der einvernehmlichen Konfliktklärung und ggf. einer Wiedergutmachungs- vereinbarung. Auf Basis der in dem Mediationsverfahren von den Konfliktparteien selbst getroffenen Regelung entscheidet dann die Justiz, ob dies als „Täter-Opfer-Ausgleich“ im Sinne der strafrechtlichen Regelungen bewertet werden kann, und damit über den Fortgang bzw. die Einstellung des Strafverfahrens.

Im Hinblick auf den Gemeinwesengedanken ist insb. von Bedeutung, dass der RJ-Ansatz nicht auf strafrechtlich relevantes Verhalten begrenzt ist, sondern (auch präventiv) Konflikte aus allen Lebensbereichen und alle mit Unrecht und persönlichem Leid verbundene Störungen von Beziehungen bzw. des Gemeinwesens umfasst. RJ-Verfahren werden nicht nur aus Anlass eines Strafverfahrens, sondern vor allem auch bei Konflikten am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, im Familienbereich, in Schulen, in Gesundheitseinrichtungen und anderen öffentlichen Institutionen und Räumen durchgeführt.

Der Ansatz und die Arbeitsfelder der Waage Hannover gehen mithin weit über die Vermittlung in strafrechtlich relevanten Konflikten und den sog. Täter-Opfer-Ausgleich hinaus und schließen alle Programme und Projekte ein, die im englischspachigen Raum als „Community Justice“ oder „Dispute Resolution Center“ („kommunale Konfliktschlichtungsstelle und Mediationszentrum“) bezeichnet werden (zu den Funktionen einer kommunalen Schlichtungsstelle vgl. Trenczek/Pfeiffer – Hrsg. – Kommunale Kriminalprävention – Paradigmenwechsel und Wiederentdeckung alter Weisheiten, 1996, S. 397-409). Die Tätigkeitsbereiche der Waage umfassen derzeit insbesondere:

  • Gemeinnützige Mediationsstelle und staatlich anerkannte Gütestelle für die Stadt und Region Hannover zur Regelung von Konflikten und Streitigkeiten (welcher Art auch immer, insb. zivil-, familien-, arbeits- , straf-, nachbarrechtlich relevante Konflikte),
  • Kooperationspartner von Familiengerichten und Jugendamt zur Vermittlung in (hochstreitigen) Eltern-/Familienkonflikten (zum Beispiel Umgangsregelungen) insbesondere bei sogenannten „gewaltgeneigten“ Familien (vgl. §§ 8a, 17 SGB VIII, § 165 FamFG),
  • Vermittlung in strafrechtlich relevanten Konflikten und Kooperationspartner der Staatsanwaltschaft und der Gerichte zur Durchführung eines außergerichtlicher Tatausgleichs (Täter-Opfer-Ausgleich),
  • Modellprojekt zur Erweiterung des Restorative Justice Ansatzes  (Einbindung des sozialen Umfeldes der Konfliktbeteiligten, Ausgleichsgespräche bei schweren Straftaten, Ausgleichsgespräche im Vollzug),
  • Beratungs- und Interventionsstelle (BISS) und Teil des HaIP-Netzwerkes zur Prävention und Intervention im Bereich häuslicher/ innerfamiliärer Gewalt,
  • Ausbildungsprogramm für Mediatoren nach den Standards der Bundesmediationsverbände (BM, BMWA und BAFM); Modellprojekt „Interkulturelle Kompetenz in der Mediation“
  • Organisatorin von kommunalen Präventionsprojekten (zum Beispiel Ausstellung „Gewalt ist nie privat!“),

Die Waage Hannover hat den RJ-Ansatz mittlerweile von einer abstrakten Philosophie über den TOA hinaus in eine erfolgreiche Restorative Praxis umgesetzt.

 

Anmerkungen:

[1] In der deutschen Sprache hat sich auch aufgrund unterschiedlicher Theorie- und Praxisansätze ein Begriff, der Inhalt und Konzeption von RJ entsprechen würde (z.B. „ausgleichende“ bzw. „wiederherstellende Gerechtigkeit“, „ausgleichsorientierte Justiz“), bislang nicht durchgesetzt.

[2] Ausführlich hierzu Trenczek, T.: Restorative Justice – (strafrechtliche) Konflikte und ihre Regelung; in AKKrimSoz (Hrsg.): Kriminologie und Soziale Arbeit, Weinheim 2014, 193 ff.

Literatur:

  • Christie, N. (1977). Conflicts as Property. British Journal of Criminology, 1, 1 – 15
  • Netzig, L., & Trenczek, T. (1996). Restorative justice as participation: theory, law, experience and research. In B. Galaway & J. Hudson (Hrgs.), Restorative justice: international perspectives (S. 241 – 260). Monsey NY: Criminal Justice Press
  • Pfeiffer, H./Trenczek, T.: Zu den Funktionen einer kommunalen Schlichtungsstelle;  in Trenczek/Pfeiffer (Hrsg.) Kommunale Kriminalprävention – Paradigmenwechsel und Wiederentdeckung alter Weisheiten, 1996, S. 397-409.
  • Trenczek, T.:  Restorative Justice, TOA und Mediation – Grundlagen, Praxisprobleme und Perspektiven; in: Baier, D. et al. (Hrsg.): Kriminologie ist Gesellschaftswissenschaft; Festschrift für Christian Pfeiffer; Baden-Baden Febr. 2014, 605 ff.
  • Trenczek, T.:  Beyond Restorative Justice to Restorative Practice; in Cornwell, D./Blad, J./Wright, M. (eds.) Civilizing Criminal Justice, Hook, Hampshire (UK) 2013, 409 ff.
  • Trenczek, T./Hartmann, A.:  Kriminalprävention durch Restorative Justice – Evidenz aus der empirischen Forschung; in: Walsh, M. et al. (Hrsg.) Evidenzorientierte Kriminalprävention in Deutschland; Springer Berlin 2018, S. 859 ff.
  • Zehr, H. (1985). Retributive Justice – Restorative Justice. Elkart: Mennonite Central Committee (USA).