Lesung mit ULRICH BEHMANN: „NOVEMBERWUT“

Der Kriminalfall Kader K. hat im November 2016 international für Abscheu und Entsetzen gesorgt. Eine junge Frau mit kurdischen Wurzeln wird von ihrem Ex-Mann mit einem Messer und einer Axt schwer verletzt. Er bindet sie mit einem Seil um den Hals an sein Auto, in dem der gemeinsame kleine Sohn sitzt und versucht, sie zu Tode zu schleifen. Dieses Verbrechen sorgte international für Entsetzen.

Für den 11. Juni hatte die Waage Hannover e.V. zu einer Lesung in ihren Räumlichkeiten mit anschließender Diskussion geladen. Der Hamelner Journalist und Autor Ulrich Behmann las aus seinem Buch „Novemberwut“ und berichtete über den fürchterlichen Kriminalfall und die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte des Buches. Es war der Wunsch von Kader K. über ihre Geschichte ein Buch zu schreiben. „Novemberwut“ erschien im November 2017 bei CW Niemeyer Buchverlag und traf auf ein großes Interesse im In-und Ausland.  Ulrich Behmann gab in der Lesung sehr interessante Einblicke in die Entwicklung und Eskalation der familiären Konflikte, die dem furchtbaren Verbrechen vorausgingen, die schreckliche Tat, das Strafverfahren und die Perspektive der Beteiligten, Opfer wie Täter.  Sichtbar wurde u.a. ein Teufelskreis aus (wahrgenommenen, vermeintlichen, …) Unrecht, Kränkungen, Ohnmachtserfahrungen und Gewalt, die immer wieder neue Gewalt und Unrecht gebiert. Ulrich Behmann gab auch Einblicke in die Lebenswelt und Parallelwelt der betroffenen Opfer, Täter und ihre Familien, wobei deutlich wurde, dass Gewalttaten nach massiven Ohnmachtserfahrungen gerade nicht kulturspezifisch sind.  In der anschließenden Aussprache wurde u.a. die mangelnden oder gescheiterten Unterstützungsangebot, die Selbsthilfe- und Selbstjustizversuche bei eskalierten Konflikten und die zum Teil kulturspezifischen Regelungsversuche diskutiert: Welche Unterstützung gibt es für Geschädigte, die betroffenen Kinder und weiteren Angehörigen, insb. auch nach massiven Straftaten? Eine solche Tat hinterlässt nicht nur das unmittelbare Opfer und den Täter. Es bleiben viele von der Tat Mit-Betroffene zurück: die jeweiligen Familien, Kinder und Freunde. Welche auch präventiv wirksamen Möglichkeiten der Beratung und Vermittlung gibt es, welche Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit der Tat und ihren Folgen gerade auch bei schweren Gewaltdelikten gibt es? Bestehen Chancen zur Wiedergutmachung oder doch zumindest zur Verhinderung weitere Gewalt- und Rachetaten?

Die Waage arbeitet seit mehr als 25 Jahren im Bereich des Vermittlung insb. in eskalierten und auch strafrechtlich relevanten Konflikten, um z.B. einvernehmliche Regelungen zwischen sich → trennenden Eltern oder einen → sog. Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) möglich zu machen. Seit 2016 werden im Rahmen des sogenannten → „Restorative Justice-Projekts“ Beratungs- und Vermittlungsangebote über die unmittelbar betroffenen Opfer und Beschuldigten hinaus unter Einbeziehung des sozialen Umfelds (Angehörige, Freunde, Arbeitskolleg*innen, Mitarbeiter*innen von betroffenen Einrichtungen/Organisationen, Nachbarn, …) angeboten.

Insgesamt war es – trotz des schweren Themas – ein gelungener Abend mit spannenden Diskussionen und vertieften Gesprächen bei einem kleinen Fingerfood-Buffet und Getränken. Es wurde deutlich, dass Kommunikation auch bei solch schweren Gewaltdelikten gelingen kann und auch Opfer eine Stimme haben.